Was ist Resoilienz?

Zwischen Missgeschick und Schicksalsschlag

Ob im beruflichen oder privaten Bereich: Alle Menschen stehen vor ähnlichen Herausforderungen, wenn es um die Bewältigung schwieriger Situationen geht. Einige kritische Entwicklungen und belastende Situationen im Leben sind zu erwarten. Auf sie kann man sich bis zu einem gewissen Grad einstellen, auch wenn das noch keine Lösung für den Umgang mit diesen Situationen ist. Doch stellen plötzliche und unerwartete Krisen eine noch größere Herausforderung dar und ziehen die Betroffenen in vielen Fällen schwer in Mitleidenschaft. Damit verbundene Selbstzweifel und Unsicherheit können Menschen bis an den Rand ihrer Existenz bringen.

Besonders für diejenigen, die umsichtig handeln, ihr Dasein geplant und organisiert haben und konsequent danach leben, ist ein erschütterndes Ereignis oder ein Rückschlag oft nur schwer zu verkraften, weil die Aussicht auf persönlichen Erfolg in weite Ferne rückt. Mit persönlichem Erfolg ist hier keineswegs nur die Verwirklichung materieller Ziele gemeint, sondern positiv bewertete Ergebnisse in jedwedem Lebensbereich.

Bereits oberflächlich betrachtet ergeben sich im Umgang mit Schwierigkeiten von Mensch zu Mensch deutliche Unterschiede. Jemand, der sich intensiv mit der Zukunft beschäftigt, der sehr sorgfältig plant, seine Zeit präzise einteilt, einen Hang zum Perfektionismus hat, wird wahrscheinlich anders auf ein Unglück reagieren als ein Mensch, der ganz im Hier und Jetzt lebt, rasch entscheidet, praktisch denkt und handelt. Oft ist es doch so: Wenn Mutti stirbt, gibt es einen Tag Sonderurlaub, dann muss es aber auch gut sein. Wer jedoch Zeit braucht, um Niederlagen oder Schicksalsschläge zu verkraften, hat es nicht „drauf “ oder Pech gehabt. In vielen Fällen müssen die Betroffenen zusehen, wie sie sich aus ihrer misslichen Lage selbst wieder befreien. Zu den unmittelbaren Folgen eines seelisch verletzenden Ereignisses kommen die gesellschaftlich definierten, möglicherweise stigmatisierenden Vorstellungen erschwerend hinzu. Man muss gewissermaßen doppelt resilient sein.

Das gilt in besonderem Maße für unsere Arbeitswelt, in der verfehlte Ziele oder gar eine Kündigung unsägliche Makel darstellen – im Gegensatz zur Hire-and-fire-Mentalität des US-amerikanisch geprägten Kulturraums, die sich zugegebenermaßen inzwischen auch hier immer mehr ausbreitet. Viele Untersuchungen und Arbeiten betrachten kritische Lebensereignisse als Ausnahme, als eine seltene Besonderheit im Leben der meisten Menschen. Ich teile diesen Standpunkt nicht. Tägliche Probleme, Herausforderungen, Misserfolge sind normal.

Resilienz hat nach meiner Einschätzung mit dem Umgang mit Misserfolgen und (seelischen) Verwundungen im Alltag zu tun. Selbstverständlich stellt sich hier sofort die Frage, was darunter zu verstehen ist. Wenn es nicht „rundläuft“, dann ist das für den einen normal, eine kleine Unregelmäßigkeit, auf die eben spontan reagiert werden muss. Für andere kann die gleiche Situation oder sogar eine wesentlich weniger gravierende den ganzen Tag verderben. Der alltägliche Misserfolg kann genauso eine kaputte Glühlampe sein wie der Kühlschrank, der den Geist aufgibt. Während der eine es gelassen nimmt, wenn er im Stau steckt und seinen Flug verpasst, bekommt der andere fast eine Herzattacke, weil es schon wieder regnet, obwohl doch der Rasen dringend gemäht werden müsste. Wer legt fest, wann eine Situation ein Misserfolg oder eine Krise ist und wann nicht? Situationen, die nicht unserem Plan oder unserer Wunschvorstellung entsprechen, gibt es auf jeden Fall täglich zuhauf.

Resiliente Entwicklungen sind überall erkennbar

Ob ihr auf das eigene Leben blickt oder auf das von Freunden, Bekannten und anderen Mitmenschen: Immer lassen sich resiliente Entwicklungen erkennen. Der Umgang mit dem Tod nahestehender Menschen kann hier ebenso angeführt werden wie z. B. eine seit Jahren todkranke Oma, die trotzdem bei allen Familienfesten fröhlich mit den Enkeln spielt und singt. Oder nehmen wir die alleinerziehende Nachbarin mit neugeborenen Zwillingen, die morgens trotz unzähliger durchwachter Nächte noch freundlich grüßt. Auch der Freund, dem gekündigt wurde und der sich danach erfolgreich selbstständig gemacht hat, ist ein Beispiel für Situationen und Lebenslagen, in denen Menschen tagtäglich psychische Widerstandskraft beweisen.

Selbst die Natur hält unerwartet immer wieder unliebsame Überraschungen für uns bereit. Gewitterschäden, Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Überschwemmungen führen uns vor Augen, dass das Leben nicht nach Plan abläuft, und konfrontieren uns mit Krisen, die wir bewältigen müssen. Jeder Mensch muss im Laufe des Lebens mit einer Vielzahl von Stresssituationen unterschiedlicher Intensität fertigwerden. Solche Ereignisse treffen nicht nur die anderen, sondern sind auch fester Bestandteil der eigenen Existenz.

Leicht nachzuvollziehen ist das anhand von Unfallfolgen, Krankheit und Behinderung. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass Krankheit und Unglück einen festen Platz in unserem Dasein einnehmen. Im Jahr 2009 bezeichneten sich 15 % der deutschen Bevölkerung als gesundheitlich beeinträchtigt. Über die Hälfte aller Kranken und Unfallverletzten (54 %) waren bis zu maximal sechs Wochen krank oder unfallverletzt. 10 % der Menschen in unserem Land mussten im selben Jahr laut eigenen Angaben erhebliche krankheitsbedingte Einschränkungen im Alltag hinnehmen. Befragte zwischen 60 und 70 Jahren stuften ihren Gesundheitszustand nur noch etwa zu einem Viertel als gut oder sehr gut ein. Etwa jede zehnte Person in Deutschland ist heute behindert. Ende 2015 gab es in der Bundesrepublik ca. 7,6 Millionen amtlich anerkannte schwerbehinderte Menschen, über 2,54 Millionen Menschen waren im Jahr 2012 pflegebedürftig.

Seit Jahren bewegt uns außerdem die Arbeitslosigkeit, ob nun von der Bundesagentur für Arbeit verwaltet oder von den Jobcentern und Sozialämtern. Jeder Betroffene muss tagtäglich mit dieser Situation zurechtkommen. Weit mehr als 3,2 Millionen Menschen waren in Deutschland zumindest noch im Jahr 2010 arbeitslos gemeldet. Laut den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes steigt das Armutsrisiko in Deutschland mit jedem Jahr weiter an. Der Anteil der von Armut bedrohten Bevölkerung lag im Jahr 2010 in Deutschland bereits bei 15,8 %.

Tücken und Risiken erfordern Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit

Der Stressforscher Antonovsky beschreibt im Zusammenhang seiner Arbeit sein Konzept der Salutogenese, das in der Medizin-Soziologie beheimatet ist. Es beschäftigt sich mit Faktoren und deren dynamischen Wechselwirkungen, die zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit führen. Demnach ist Gesundheit nicht ein bestimmter Zustand, sondern vielmehr ein veränderlicher Prozess. Antonovsky schreibt, dass Heterostase, Altern und fortschreitende Entropie die Kerncharakteristika aller lebenden Organismen sind (Antonovsky, 1997). Nicht nur der natürliche Prozess des Erwachsenwerdens und Älterwerdens – mit allen darin enthaltenen Erlebnissen wie Tod, Unfall, Entwertungserfahrungen oder anderem Ungemach – bedingt Veränderungen und damit verbundene Unsicherheiten. Auch jede darin enthaltene Lebensphase birgt Tücken und Risiken und erfordert deshalb von Menschen Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit – von der Kindheit über Partnerschaft und Arbeitsleben bis hin zum Greisenalter.

Wetz bringt die Tragweite menschlicher Probleme auf den Punkt: „Verlegenheit über die Unfähigkeit, uns selbst die Voraussetzungen für unsere Existenz zu geben, Beunruhigung über die Kürze menschlichen Daseins, Bestürzung über die eigene Entbehrlichkeit im Ganzen der Welt, Bekümmerung über die Last des Alltags und Ratlosigkeit vor allem bei harten Schicksalsschlägen setzen uns Fragen aus, von denen es heißt, dass sie uns […] die Unverfügbarkeit über Schicksalsfügungen, drastisch vor Augen führen und zum Bewusstsein bringen (Wetz, 1998).

Nicht nur schwer zu verkraftende Einzelereignisse sind eine Herausforderung für die Selbsterhaltung. Auch der permanente Veränderungsdruck, die sich rasant verkürzende Halbwertszeit von Wissen oder der gestiegene Leistungsdruck in der Arbeitswelt stellen Menschen täglich vor neue Probleme. Der Soziologe Beck hat mit seinem gesellschaftstheoretischen Ansatz der Risikogesellschaft auf die Individualisierung von Lebenswegen und Lebenslagen hingewiesen. Diese Dynamik bewirkt seiner Meinung nach, dass Menschen aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen herausgelöst und auf sich selbst und ihr Schicksal mit allen Risiken, Chancen und Widersprüchen verwiesen werden (Beck, 1986).

Bastelbiografien sind heute normal, eine geradlinig verlaufende Entwicklung stellt aufgrund häufiger Umzüge oder Jobwechsel eher eine Ausnahme dar. In einer Gesellschaft, die immer komplexer wird und sich stetig wandelt, in der tief greifende Veränderungen schnell und oftmals ohne Vorwarnung eintreten, steigt auch die Gefahr, zusätzlich mit schmerzhaften Krisen konfrontiert zu werden. Wer z. B. seine Arbeitsstelle verliert, für den löst sich die gewohnte Ordnung des eigenen Lebensraumes zumindest teilweise auf. Individualisierung und Dynamisierung von Lebensprozessen, genauso wie rascher Wandel und zunehmende Komplexität der Gesellschaft führen zur Zersetzung von Halt gebenden Strukturen. Die Folgen sind ein erhöhtes Krisenrisiko und mehr auf sich allein gestellte Menschen.

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf “

(Grundprämisse der Staatstheorie des englischen Philosophen Th. Hobbes (1588 bis 1679) im ‚Leviathan‘)

Weil das alles noch nicht genug zu sein scheint, besitzen wir auch noch die Gabe, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen. Denn einen erheblichen Teil der Probleme, mit denen der Mensch im Leben zurechtkommen muss, verdankt er lieben Mitmenschen, wenn diese ihn, gewollt oder ungewollt, durch ihr Verhalten in scheinbar ausweglose Situationen bringen. Die Ehe ist nicht das einzige Beispiel dafür, aber ein sehr anschauliches. Im Jahr 2014 standen 400.115 Eheschließungen 163.335 Scheidungen gegenüber (StBA). Die genannten Beispiele machen deutlich, dass Individuen, naturbedingt oder durch die von Menschen geschaffenen Bedingungen, permanent Resilienz beweisen müssen. Egal welche Ereignisse auch zu bewältigen sind, ob Prüfung, Krankheit, Unfall, Kündigung, Scheidung, der Verlust eines geliebten Menschen oder einer geliebten beruflichen Position – es muss dem Betroffenen trotz des erlebten Stresses gelingen, den eigenen Fortbestand zu sichern.

Krisen bringen den Menschen sich selbst näher

In der überwiegenden Anzahl der mir bekannten Fälle lässt sich beobachten, dass Krisen beim Betroffenen Neuordnungen der persönlichen Lebenswirklichkeit hervorrufen. Einmal gezwungen, angesichts des eigenen Scheiterns seine Situation von Neuem zu analysieren und zu bewerten, lernen Menschen ihre Individuellen Stärken und Schwächen genauer kennen. Im Zuge schrecklicher, grausiger oder lediglich unangenehmer Lebensereignisse begegnet der betroffene Mensch sich selbst immer wieder neu. Denn er erlebt und erkennt eigene Fähigkeiten, über die er bis dahin nicht zu verfügen glaubte. Psychische Widerstandskraft ist somit permanent und nicht nur in Ausnahmesituationen gefordert. Obwohl von vielen Seiten anders postuliert, vertrete ich daher die These, dass Resilienz keineswegs nur die Reaktion auf Ausnahmesituationen darstellt, sondern dass Krisen und deren Bewältigung ein weitgehend normaler Bestandteil des Alltags eines jeden Menschen sind.

Unbestritten dürfte jedenfalls sein, dass alle Individuen auf Krisen reagieren müssen, um nicht an ihnen zu zerbrechen. Ob man im Krieg alles verloren hat und nicht weiß, wovon man am nächsten Tag leben soll, oder ob einem das Selbstwertgefühl geraubt wurde: Wie sollen wir es nennen, wenn solche Menschen nicht aufgeben, wenn sie wieder aufstehen, sich nicht unterkriegen lassen? Bewältigung, psychische Widerstandskraft, Resilienz? Ist man resilient, wenn man sein Schicksal annimmt und mit wenig wohlgemut auskommt? Oder ist man erst dann resilient, wenn man den entstandenen Schaden kompensiert hat, also wieder zu Wohlstand gekommen ist? Ist jemand, der sich nach einer persönlichen Krise mühsam durchs Leben schleppt, nicht resilient? Derjenige, der bald wieder schwungvoll und optimistisch daherkommt jedoch schon? Wo beginnt Resilienz? Wo fehlt sie und muss trainiert werden? Kann man Resilienz überhaupt trainieren? Ist jemand, der nicht so „funktioniert“, wie es für seine Mitmenschen praktisch wäre, nicht vielleicht auch resilient?

Fragen über Fragen. Sie lassen sich nur beantworten, wenn wir wissen, was sich genau hinter dem Begriff Resilienz verbirgt, wofür er steht. Da wird es doch wohl eine präzise Definition geben, oder?

Vielen Dank für Dein Interesse und bis die Tage!