Letzten Endes bleibt Resilienz ein Fremdwort – und Fremdwörter gehören so sehr zu unserem Alltag, dass sie uns nicht einmal mehr fremd vorkommen. Wer wüsste nicht, was Ketchup ist oder ein Restaurant. Doch dass auch der Begriff Resilienz inzwischen gewissermaßen zum Gemeingut geworden ist, z. B. in der Arbeitswelt, stimmt mich nachdenklich.

Wer Personalverantwortlichen, Führungskräften oder Menschen, die in der sozialen Arbeit tätig sind, etwas von Resilienzsteigerung erzählt, muss nicht damit rechnen, in fragende Gesichter zu blicken, sondern eher in leuchtende Augen. Das heißt allerdings nicht zwangsläufig, dass sich alle dasselbe darunter vorstellen. Fremdwörter haben oft zwei Gesichter. Einerseits sind sie ein Segen, weil sie die Verständigung erleichtern, indem sie einen Sachverhalt eindeutig benennen, der sonst umständlich umschrieben werden müsste. Andererseits können sie viel darstellen, ohne zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Besonders fatal ist das, wenn die Bedeutung des jeweiligen Begriffes strittig ist. In diesem Fall ersparen uns solche Worthülsen das Nachdenken. Resilienz gehört meines Erachtens zur zweiten Kategorie. Der inflationäre Gebrauch dieses Wortes, beispielsweise in Pädagogik oder Entwicklungspsychologie, wird wohl genau darauf zurückzuführen sein. Auch im Managementtraining und Coaching ist das Resilienzkonzept seit geraumer Zeit ausgesprochen en vogue. Resilienz verkauft sich gut und wird daher gern und geschickt in Marketingstrategien integriert. Klingt gut, aber was ist drin, wenn wir genauer hinsehen?

Für mich jedenfalls wurde das Phänomen Resilienz umso unklarer, je genauer ich mich damit befasste. Dabei scheint es doch so einfach zu sein. Denn: „Psychische Widerstandskraft lässt sich offenbar erlernen“ (Vgl. managerSeminare H. 110, Mai 2007). Resilienz ist demnach psychische Widerstandskraft. Burnout war gestern. Wenn wir dies zunächst so stehen lassen, dann erklärt das, warum Offerten zur Förderung von Resilienz bei vielen Coaching-Anbietern längst zum Standardrepertoire gehören. Wer möchte in unserer unsicheren und schnelllebigen Zeit, in der Angst und Druck an der Tagesordnung sind, nicht gern über eine besonders ausgeprägte psychische Widerstandsfähigkeit verfügen? Vielleicht wird deshalb die Entwicklung von Resilienz von einigen Unternehmensberatungen bereits als die „Antwort auf die Burnout-Thematik“ angepriesen (Vgl. beispielsweise Angebote der Unternehmensberatung Heiligenfeld & Pietzko aus Bad Kissingen – das Thema ihres Jahreskongresses im Mai 2014 lautete „Burnout und Resilienz“) Es ist sogar so, dass individuelle psychische Widerstandsfähigkeit in unserer Leistungsgesellschaft geradezu vorausgesetzt wird: Unter welchem Stress der Einzelne auch stehen mag, solange er nicht für alle sichtbar körperlich krank ist, erwartet man von ihm, dass er weiter seine Rolle ausfüllt und funktioniert. Denn persönliches Scheitern, Misserfolge oder Unglücke sind Tabus – Kratzer im Lack des Erfolges. Und weiß man, wenn schon das Finish Macken hat, ob nicht auch die Grundierung bald hinüber ist und der Rost seinen Siegeszug antritt?

Anpassung statt Widerstand

In Bezug auf Zustände in Ökosystemen meint Resilienz allgemein deren Eigenschaft, Störungen des Systemzustands zu tolerieren, und die Fähigkeit zur Selbstregeneration. Die Vorstellung von Resilienz als Fähigkeit zur Selbstregeneration erscheint mir grundsätzlich nützlicher als eine Deutung anhand des etymologischen Ursprungs des Wortes Resilienz. Das lateinische Stammwort „resilire“ bedeutet so viel wie „abprallen“ oder „zurückspringen“. Im physikalischen Kontext wird mit dem Begriff Resilienz in Übereinstimmung mit dem Wortursprung die Eigenschaft eines Materials beschrieben, nach einer Deformierung wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. Den Begriff in diesem Sinne in psychosoziale Kontexte zu übernehmen, halte ich für unzureichend. Denn es geht im Leben nicht nur darum, die Fähigkeit zu besitzen, gegen Ereignisse oder Umweltbedingungen Widerstand zu leisten, sondern meiner Überzeugung nach ebenso um die Fähigkeit, sich im richtigen Moment anzupassen und eben keinen Widerstand zu leisten, sich also im Einklang mit seiner Umwelt zu entwickeln.

Resilienz lediglich mit psychischer Widerstandsfähigkeit zu übersetzen, erscheint vor diesem Hintergrund recht einseitig. Es geht bei der Definition von Resilienz meiner Überzeugung nach also weniger um die Beschreibung einzelner Eigenschaften eines Menschen, sondern vielmehr um die Beschreibung eines Prozesses, der durch zahllose Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt charakterisiert wird. Griffig erscheinen mir deshalb einige Beschreibungen aus dem systemischen Lager. Aus familientherapeutischer Sicht wird das Phänomen Resilienz beschrieben als: „[…] ein aktiver Prozess des Wagemuts und der Fähigkeit zur Selbstkorrektur sowie des Wachsens als eine Antwort auf Krisen und die daraus resultierenden Herausforderungen. Resilienz ist die Fähigkeit, Elend, Not und Traumata zu überwinden“ (Conen, 2008, S. 19). Auf dem internationalen Kongress „Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände“, der im Jahr 2005 in Zürich stattfand, einigte man sich auf die folgende Definition, der ich am meisten abgewinnen kann: „Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen. Mit dem Konzept der Resilienz verwandt sind Konzepte wie Salutogenese, Coping und Autopoiese. Alle diese Konzepte fügen der Orientierung an Defiziten eine alternative Sichtweise bei“ (Welter-Enderlin, 2008, S. 13).

Resilienz zwischen Problem und Lösung

Resilienz ist in aller Munde. Vor allem im Bereich Management und Coaching, aber auch in Pädagogik und Psychologie ist Resilienz inzwischen nicht nur populär, sondern wird mit großen Hoffnungen verbunden. Die schwammige, unterschiedlich verstandene Bedeutung dieses Fremdwortes fällt auf Anhieb kaum auf und eint die Resilienz-Fans in trügerischer Harmonie. In krassem Widerspruch zu derart leichtfertigem Umgang mit dem Begriff Resilienz quält sich die Resilienzforschung seit Anbeginn mit der Komplexität und Unfasslichkeit des Begriffes. Ein kurzer, holzschnittartiger Überblick mit einigen Beispielen soll veranschaulichen, dass es der sozial- und geisteswissenschaftlich ausgerichteten Forschung bisher nicht gelungen ist, einzelne Faktoren von Resilienz trennscharf zu isolieren. In diesem Zusammenhang berücksichtige ich besonders die Arbeiten zur individuellen Resilienz, möchte aber zumindest erwähnen, dass es darüber hinaus auch Forschungsansätze gibt, die sich auf Paare beziehungsweise Familien beziehen. Im Gegensatz zu pathologisierenden, defizitorientierten Sichtweisen, bei denen die Entstehung von Krankheiten oder Problemen im Mittelpunkt des Interesses steht, ist der Blick des Forschers auf die psychische Widerstandsfähigkeit überwiegend ressourcenorientiert, ähnlich wie die Perspektive der Salutogenese von Antonovsky.

Größter Verdienst der Resilienzforschung scheint mir zu sein, dass sich in ihr eine Hinwendung vom „Entweder-oder“ zu einem „Sowohl-als-auch“ abzeichnet. Das theoretische Konstrukt von Resilienz beharrt weder auf einseitiger, dogmatischer Lösungsorientierung noch auf der ausschließlichen Hinwendung zu psychoanalytischer Problemorientierung. Vielmehr legen die Erkenntnisse aus der Resilienzforschung den Ansatz nahe, die in Therapie und Beratung häufig noch anzutreffende strenge Unterscheidung von Lösung und Problem aufzugeben. Stattdessen lassen sich diese beiden sich wechselseitig beeinflussenden Pole von Problem und Lösung in einen Prozess konstruktiver Auseinandersetzung integrieren. Damit wird das Problem vom zu bearbeitenden Hauptthema zum Ausgangspunkt für eine Lösung. Obwohl viele Arbeiten zum Thema Resilienz die Überwindung der defizitorientierten Sichtweise in Forschung und Praxis feststellen (Vgl. z. B. Brooks & Goldstein, 2007, S. 19) oder einen „Perspektivenwechsel weg von einem Defizit-Modell hin zu einem Ressourcen- bzw. Kompetenzmodell“ (Wustmann, 2004, S. 72) beschreiben, ist das Problem im Resilienzkonzept insofern noch immer von Bedeutung, als der betroffene Mensch den für ihn kritisch erlebten Lebensereignissen eine problematische Bedeutung beimisst (Vgl. Conen, 2008, S. 21). Die eindimensionale Konzentration auf Lösungen ohne Würdigung der schwierigen Lebensbedingungen würde daher den Blick auf die wechselseitigen Beziehungen von Problem und Lösung versperren.

Die Krise als Hinweis auf notwendige Veränderung

Die als problematisch wahrgenommene Situation stellt sinnvollerweise die „Ausgangsbasis“ (Short / Weinspach, 2007, S. 60) dar, weil Handlungsmöglichkeiten von dort aus entwickelt werden. Ich bin überzeugt, dass Forschung, die ihr Augenmerk auf den möglichen Nutzen einer Krise richtet, sinnvoller ist als Untersuchungen, die sich nur mit der Entstehung und Beschaffenheit einer Krise beschäftigen oder ausschließlich deren Überwindung behandeln. Die Funktion der Krisenbetrachtung in der Resilienzforschung sollte zukunfts- und damit handlungsorientiert sein, nicht rückwärtsgerichtet. Eine Krise bietet demnach nicht nur die Möglichkeit, verkrustete Strukturen zu hinterfragen, um darauf aufbauend neue, kreative Wege zu beschreiten. Sie ist vielleicht sogar notwendig, um festgefahrene Vorstellungen und Bewertungen von „Welt“ aufzugeben und uns von den Fesseln der eigenen Wirklichkeitskonstruktion zu befreien. Gerald Hüther führt in „Biologie der Angst“ dazu aus, dass Menschen auf heftige Stresssituationen geradezu angewiesen sind: „Wie sonst könnte es uns gelingen, aus den bisherigen Bahnen unseres Denkens, Fühlens und Handelns auszubrechen und nach neuen geeigneteren Wegen zu suchen? Wir haben die Stressreaktion nicht deshalb, damit wir krank werden, sondern damit wir uns ändern können. Krank werden wir erst dann, wenn wir die Chancen, die sie uns bietet, nicht nutzen.“ Wie wir mit kritischen Lebensereignissen umgehen, hängt wiederum davon ab, wie wir sie erleben. Immer wieder wird die Lösung eines Problems möglicherweise der Ausgangspunkt für neue Probleme sein. Aber immer wieder kann die Lösung auch mit einer persönlichen Entwicklung verbunden sein. Jede Krise bedeutet in gewisser Weise auch immer das Ende von etwas. Und weil nach jedem Ende ein neuer Anfang kommt, Problem und Lösung in zirkulären Prozessen untrennbar miteinander verbunden sind, ist es sinnvoll, diesem Zusammenhang Beachtung zu schenken.

Die zentrale Frage der Resilienzforschung

Diese persönliche Einschätzung vorausgeschickt lohnt sich ein kurzer Blick auf die zentrale Frage in der Resilienzforschung, die da lautet: Wie gelingt es Menschen, sich trotz widriger Umstände und Krisensituationen unbeschadet zu entwickeln, während andere an vergleichbaren Bedingungen erkranken oder anderweitigen Schaden davontragen? In den Geistes- und Sozialwissenschaften wird der Resilienzbegriff häufig mit dem Namen Werner assoziiert. Die Entwicklungspsychologin hat sich im Rahmen ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit an der University of California insbesondere mit Lebens- und Sozialisationsbedingungen von Kindern befasst, deren Lebenssituationen Risikofaktoren für eine gesunde und kindgerechte Entwicklung aufwiesen. In diesem Zusammenhang sind besonders ihre Arbeiten zur Kauai-Längsschnittstudie bekannt geworden. Wissenschaftler begleiteten dabei auf der hawaiianischen Insel Kauai 698 im Jahr 1955 geborene Kinder in ihrer Entwicklung. Besonders fiel in dieser Studie die Tatsache auf, dass sich viele der Kinder trotz der von den Forschern ausgemachten schwierigen Lebensumstände positiv entwickelten und trotz der psychosozialen und biologischen Risikofaktoren zu kompetenten Erwachsenen heranreiften (Vgl. Werner, 1971).

Werners Veröffentlichungen können als Initialzündung für die Resilienzforschung betrachtet werden, da sie bereits zu einem frühen Zeitpunkt maßgeblich zur Entwicklung und Differenzierung des wissenschaftlichen Diskurses beigetragen haben. Auch Werners Untersuchungen versuchten, die Frage zu beantworten, was dazu führte, dass einige Menschen kritische und belastende Lebensereignisse oder widrige Umstände offenbar bewältigen und möglicherweise sogar gestärkt daraus hervorgehen, während sich andere gegenüber ungünstigen Bedingungen oder Schicksalsschlägen weniger widerstandsfähig zeigen. Gerade die Tatsache, dass viele Kinder, die unter sozial wie wirtschaftlich entbehrungsreichen Bedingungen aufwachsen, in ihrer Entwicklung vollkommen unauffällig sind, hat zu Untersuchungen und Beiträgen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen geführt. Besonders im Bereich der pädagogischen und entwicklungspsychologischen Forschung gibt es deshalb viele Untersuchungsergebnisse, die einzelne Faktoren und deren Wechselwirkungen zu erfassen versuchen. Ziel dieser Bemühungen ist es meistens, im weiten Feld der Erziehungswissenschaft sowie der Erziehungspraxis präventive Strategien zu entwickeln. „Für die pädagogische Praxis sind die Ergebnisse der Resilienzforschung insofern von großer Wichtigkeit, als dass sie Anhaltspunkte dafür liefern, welche Fähigkeiten und Unterstützung Kinder brauchen, um sich trotz schwieriger Bedingungen gesund und positiv entwickeln zu können. Die Ausbildung und Stärkung von Resilienz kann somit in Kenntnis dieser Befunde zum integralen Bestandteil von Bildungs- und Erziehungsprozessen gemacht werden“ (Fthenakis. in: Wustmann, 2004, S. 10).

Die Suche nach Wirkfaktoren für Resilienz

Was für den pädagogischen Bezugsrahmen gilt, ist ohne Weiteres in andere Zusammenhänge übertragbar. Auch für den Bereich der Adoleszenz gibt es eine Reihe von Untersuchungen mit ähnlichen Designs wie in der erziehungswissenschaftlich orientierten Forschung, die sich hauptsächlich mit individuellen Merkmalen, sozialen Faktoren und deren Zusammenspiel beschäftigen (Vgl. z. B. Thomae, 1987; Rutter, 1990). Die Motivation der Wissenschaftler ist durchaus verständlich: Fänden sich kontextunabhängige Resilienzfaktoren, die sich quasi für alle Menschen universell einsetzen ließen, wäre diese Entdeckung nicht nur für die Forscher und Praktiker pädagogischer Ausrichtung ein großer Gewinn. Wer sucht, der findet: Rutter beschreibt beispielsweise neben externalen auch internale protektiv wirkende Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen und selbst wiederum in Wechselwirkungsprozessen mit Risikofaktoren und ungünstigen Ereignissen stehen (Vgl. Rutter, 1990). Gabriel wiederum verfolgt eine Abkehr von einem „individualistisch-psychologisierenden Konzept der Resilienzforschung“ und vertritt nach Auswertung zahlreicher empirischer Studien die Auffassung, dass „resiliente Individuen nicht aus sich selbst heraus widerstandsfähig“ sind, sondern dass „Resilienz als Produkt protektiver Faktoren zu verstehen ist, die die Entwicklung im sozialen Nahraum begleiten“ ( Gabriel, 2005, S. 215).

Das Anlage-Umwelt-Problem

Eine exakte Eingrenzung von Resilienz erzeugenden Eigenschaften beziehungsweise Lebensbedingungen bei empirisch erfassten „Probanden“ ist wahrscheinlich auch deshalb nicht möglich, weil bis heute eine der interessantesten Fragen der Psychologie nicht abschließend beantwortet werden konnte: die Frage nach dem Einflussverhältnis von genetisch bedingten Komponenten und Umwelt- beziehungsweise Milieufaktoren auf die menschliche Entwicklung. Im Rahmen einer mitunter kontrovers geführten Diskussion dieses Anlage-Umwelt-Problems ist die Fachwelt inzwischen zu der Annahme gekommen, dass Erb- und Umweltfaktoren die Entwicklung eines Menschen in einem Prozess der wechselseitigen Zusammenwirkung beeinflussen. Also sowohl als auch. Eine belastbare Auflistung von inneren und äußeren Wirkfaktoren als Erklärung für Resilienz dürfte insofern schwierig sein, als sich das komplexe Zusammenspiel von erblichen Komponenten und Umweltbedingungen nicht eindeutig in seine einzelnen Bestandteile zerlegen lässt. Man kann zwar behaupten, dass persönlichkeitsbedingte Aspekte bei bestimmten untersuchten Personen die Ursache für Resilienz sind, beweisen lässt es sich jedoch nicht, weil sie durch ihre Wechselwirkung mit Umweltfaktoren nicht konstant sind. Umgekehrt kann man auch nicht beweisen, dass bestimmte Umweltkomponenten relevant für Resilienz sind, weil diese ebenfalls durch in der Person liegende Faktoren beeinflusst werden. Dieser Grundsatz der gegenseitigen Beeinflussung gilt genauso für erlerntes Verhalten, das selbst wiederum in Wechselwirkung zu Anlagen und Umwelt steht. Vertrackte Angelegenheit. Man kann also nicht gewichten, welche Rolle innere und äußere Aspekte für Resilienz spielen.

Komplexe Zusammenhänge

Das Problem ist gewaltig: Je tiefer Wissenschaftler Resilienz erforschen, desto mehr müssen sie erkennen, dass die Komplexität des Untersuchungsgegenstandes es unmöglich macht, sämtliche in Erwägung zu ziehende Faktoren und deren Wechselwirkungen zu erfassen. Angeborene und erlernte Merkmale der Betroffenen, also ihre individuellen Psychen, sowie soziale und andere Faktoren lassen sich in keine vorhersagbaren Strukturen einordnen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie sie zusammenwirken können. Die Frage nach der Gewichtung von Erbanlagen und Umwelteinflüssen beziehungsweise ihrer Wechselwirkungsweise ist bis heute weitgehend ungeklärt. Damit fehlt es auch an einer tragfähigen und allgemeingültigen Theorie zur Erklärung von Resilienz. Die Beschreibung eines unfassbaren Phänomens. Hinzu kommt, dass sich die Resultate der bisher erschienenen Arbeiten zum Thema Resilienz aufgrund unterschiedlicher Untersuchungsanordnungen nicht vergleichen lassen. Deshalb kann man natürlich auch nur bedingt Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen ziehen. Doch eines sticht ins Auge: Trotz zahlreicher, zum Teil sehr differenzierter Arbeiten war die Resilienzforschung auch in den letzten Dekaden nicht in der Lage, das Phänomen insgesamt zu beschreiben und zu erfassen. Die zum Teil einfachen Ausgangsthesen lösen sich angesichts komplexer systemischer Zusammenhänge und Rückkopplungen auf und erläutern nicht, welche Prozesse dem Phänomen Resilienz zugrunde liegen. Selbst komplizierte theoretische Erklärungskonstrukte können letztlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht gelingt, Resilienz zu objektivieren. Welche Definition kann es für Resilienz geben beziehungsweise können überhaupt einheitliche Standards festgelegt werden? Wir müssen wohl die Tatsache akzeptieren, viele mit diesem Thema in Verbindung stehende Fragen nicht zur Zufriedenheit aller beantworten zu können. So diffizil die Antwort auf die Frage nach einer klaren Definition für Resilienz ist, so vielschichtig und mehrdeutig sind auch die Antworten auf die Fragen, welche Faktoren Resilienz bedingen und wie viele dieser Faktoren es gibt. Simon hat die Komplexität der Welt offenbar nicht nur erkannt, sondern auch akzeptiert, wenn er den praktischen, aber nicht gerade zufriedenstellenden Rat gibt: „Rechnen Sie mit der Unberechenbarkeit der Welt! Verzichten Sie auf Sicherheit und begnügen Sie sich mit Wahrscheinlichkeit. Versuchen Sie nie, etwas ganz und gar zu durchschauen oder zu verstehen!“ (Simon, 2001, S. 48).

Resilienz als dynamischer Begriff

Die Unberechenbarkeit der Welt spiegelt sich auch im Phänomen Resilienz. Es deutet vieles darauf hin, dass eine allumfassende, eindeutige und dauerhaft gültige Definition nicht zu formulieren sein wird. Meines Erachtens ergibt sich aus der Diskussion um eine klare Definition von Resilienz und den damit in Verbindung gebrachten Zusammenhängen allenfalls eine dynamische Antwort, wenn man das Phänomen im Spannungsfeld der unterschiedlichen Sichtweisen, Forschungsperspektiven und -ergebnisse oder auch subjektiven Schilderungen und Erklärungen betrachtet. Damit meine ich, dass man sich zwischen den einzelnen Interessengruppen, ihren gegenwärtigen Definitionen und möglichen Handlungsempfehlungen frei bewegen muss. Daraus resultiert ein Resilienzbegriff, dessen Wesen durch die Interaktion aller Beteiligten bestimmt wird und der deshalb alles andere als statisch ist. Er wird in einem fortwährenden Prozess gegenseitiger Wechselwirkungen immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Bereits an dieser Stelle zeichnet sich ab, dass die Beantwortung der Frage nach der „richtigen“ Beschreibung von Resilienz nicht nur die Entwicklungspsychologie oder Pädagogik berührt, sondern mindestens auch das weite Feld der Erkenntnistheorie, der systemischen Theorien, der Kommunikationstheorie und der Ethik. Es sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ich im Weiteren diesen großen Themen nicht gerecht werde, indem ich sie nur oberflächlich behandle. Gleichwohl soll genau dies dazu dienen, die unvorstellbare Komplexität des Themas ein wenig zu reduzieren. Meine Sicht auf die Dinge soll in erster Linie eine Anregung sein, sich zu diesem Thema weitere Gedanken zu machen. Denn was resilient oder Resilenz ist, kann nicht nur von wissenschaftlichen Disziplinen bestimmt werden, sondern ist in erster Linie ein gesellschaftlicher Diskurs. In meinen weiteren Ausführungen verwende ich den Begriff „Resilienz“ beziehungsweise „resilient“ deshalb zunächst bewusst undifferenziert und unscharf. Unter dem Oberbegriff Resilienz sollen Prozesse subsumiert werden, die am ehesten der Definition von Welter-Enderlin entsprechen, wobei ich mir über die weitgehende Unbestimmtheit des Begriffes im Klaren bin. Hier noch einmal Welter-Enderlins Definition zur Erinnerung: „Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen. Mit dem Konzept der Resilienz verwandt sind Konzepte wie Salutogenese, Coping und Autopoiese. Alle diese Konzepte fügen der Orientierung an Defiziten eine alternative Sichtweise bei.“

Vielen Dank für Dein Interesse!