Unscharf

Resilienz ist …

… leider alles andere als eindeutig definiert. Diese Erkenntnis wurde mir zuteil, als ich am Anfang meiner Recherche nach brauchbaren Definitionen suchte, um einen konkreten Einstieg in das Thema zu finden.

Klar war mir schließlich vor allem, dass nichts klar ist.

Ich fand keine trennscharfe Definition von Resilienz; selbstverständlich war ich nicht der Erste, dem das auffiel.

Short und Weinspach konstatierten bereits im Jahr 2007, „[…] dass auch heute noch keine allgemein verbindliche Definition vorliegt und auch noch keine Einigkeit darüber herrscht, welche empirischen Sachverhalte dem hypothetischen Konstrukt zuzuordnen sind, […] (Short / Weinspach, 2007, S. 29). Diese Aussage hat an Aktualität bis heute nichts verloren.

In einigen Veröffentlichungen zum Thema nehmen die Autoren wahrscheinlich zugunsten der Plausibilität und vermeintlichen Eindeutigkeit ihrer Resilienz-Definition ein gerüttelt Maß an Spekulation in Kauf. Diese Autoren „verkaufen“ ihr jeweiliges Resilienz-Rezept als den „richtigen“ Weg. Damit wird die Definition zur Überzeugungssache der darin geschulten Glaubensgemeinde. Indem sie ignorieren, welchen Einfluss der Beobachter auf das Geschehen hat, und sogar so tun, als sei dieser unabhängig von den Prozessen, die er beschreibt und bewertet, erscheinen die von ihm verwendeten subjektiven Begrifflichkeiten wie allgemeingültige, verbindliche Wahrheiten, ja sogar wie objektives Wissen über Resilienz (Vgl. Simon, 2001, S. 20 ff.).

Resilienz-Definitionen

Die folgende Auswahl von Resilienz-Definitionen verstehe ich exemplarisch. Sie soll meine Ausführungen veranschaulichen und untermauern. Zahlreiche Studien zum Thema Resilienz befassen sich mit der Untersuchung der kindlichen Entwicklung. In Pädagogik und Erziehungswissenschaft wird Resilienz unter anderem wie folgt definiert:

„Resilienz meint die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken.“ (Wustmann, 2004, S. 18).

„Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit(en) von Individuen oder Systemen (z. B. Familie), erfolgreich mit belastenden Situationen (z. B. Misserfolgen, Unglücken, Notsituationen, traumatischen Erfahrungen, Risikosituationen u. ä.) umzugehen.“( Vgl. Fthenakis).

„Resilienz kann als eine individuelle Eigenschaft angesehen werden, die das Individuum vor einer Vielzahl negativer Entwicklungsresultate in einer großen Zahl ökologischer Kontexte schützt […]“(Bergmann / Mahoney, 1999, S. 315).

„Der Begriff Resilienz umfasst die Fähigkeit eines Kindes, mit Druck und Belastungen fertigzuwerden, die täglichen Herausforderungen zu bewältigen, sich angesichts von Enttäuschungen oder unerfreulichen und traumatischen Erfahrungen rasch wieder zu fangen, klare und realistische Zielvorstellungen zu entwickeln, Probleme zu lösen, gut mit den Mitmenschen zurechtzukommen, sich selbst und anderen mit Respekt zu begegnen.“( Brooks / Goldstein, 2007, S. 21).

Eine Definition entwicklungspsychologischer Genese lautet: „Mit ‚Resilienz‘ bezeichnet man die psychologische bzw. psychophysiologische Widerstandsfähigkeit, die Menschen befähigt, psychologische und psychophysische Belastungen (stress, hyperstress, strain) unbeschadet auszuhalten und zu meistern.“ (Müller / Petzold, 2003, S. 2).

Auch jede Menge Ratgeberliteratur ist zum Thema erschienen. Hilfe für den Alltag verspricht beispielsweise das Buch „Der R-Faktor“ von Rampe. Es enthält neben einem Resilienztest zur Selbstauswertung unter anderem die Definition:

Resilienz bezeichnet „die Fähigkeit eines Menschen, sich trotz widriger Umstände, trotz Niederlagen, Kümmernissen und Krankheiten immer wieder zu fangen und neu aufzurichten.“ (Rampe, 2004, S. 8 f.)

Scheitern nicht vorgesehen

Bei der Untersuchung des Begriffes „Bewältigung“ in der Stress und Emotionsforschung führt Thomae aus, dass viele Psychologen einem Leitbild folgen, das aus „US-amerikanischen Westernfilmen“ stamme:

„Der Held im Western wird von keiner Katastrophe und keinem noch so schmerzhaften Verlust eines geliebten Menschen überwältigt oder aus der Fassung gebracht. Er bewältigt alle diese Schicksalsschläge und die von ihnen ausgelösten Emotionen – und zwar in einer Weise, die von vornherein ein Versagen auszuschließen scheint. Unkritisch übernommene Leitbilder, nicht die Orientierung am Erleben und Verhalten realer Menschen bestimmen weitgehend die gegenwärtige Stress- und Emotionsforschung.“ (Thomae, 1996, S. 112).

Ähnliche Denkmuster liegen offenbar auch einigen Definitionsversuchen von Resilienz zugrunde, die z. B. in dem Buch „Die Strategie der Stehauf-Menschen“ zu lesen sind: „Resilienz ist nicht nur ein Schutz gegen die Möglichkeit, unvorstellbarem Leid ausgesetzt zu sein. Sie ist eine grundsätzliche Geisteshaltung, die auch in allen Aspekten des gewohnten Alltagslebens dienlich ist. Sie bietet bei einmaligen einschneidenden Ereignissen im Leben wie auch bei immer wiederkehrenden alltäglichen ein Reservoir an emotionaler Stärke und praktischen Fähigkeiten.“ (Gruhl, 2008, S. 14).

Ist der Resilienz-Begriff gerade wegen seiner Unschärfe populär?

Die unterschiedlichen Definitionen könnten den Vorwurf nach sich ziehen, Resilienz sei eine beliebige Begriffshülse. Andererseits muss man schon genau hinsehen, um sich die Unterschiedlichkeit der Definitionen überhaupt bewusst zu machen. Denn auf den ersten Blick klingt vieles doch sehr ähnlich.

Vielleicht ist es gerade diese Unschärfe, die dem Begriff Resilienz zunehmende Popularität verleiht. Er mag diejenigen, die sich auf die Suche nach diesem unbestimmten Phänomen begeben haben, in ihrer Zuversicht einen, nach der gleichen Sache zu forschen, ohne dass man sich der Tatsache bewusst ist, dass es gar kein einheitliches Verständnis der zugrunde liegenden Prozesse gibt!

Vielen Dank für Dein Interesse!