Resilienz - Beratungskarren

Schon die Definition des Begriffes Resilienz wirft viele Fragen auf. Dennoch wird Resilienz in vielen Angeboten als vermeintlich zugkräftiges Ross vor den Beratungskarren gespannt. Aber die Frage sei erlaubt: Ist Resilienz vielleicht gar kein so leistungsfähiges, effizientes Zugpferd, sondern eher ein störrischer Esel? Wenn ja, dann lässt sich leicht nachvollziehen, dass es schwer bestimmbar ist, wann der Karren wo ankommen wird.

Dass Ihr Euch für diesen Text entschieden habt, wird einen guten Grund haben. Denn in unserer bunten Welt oft verwirrender Vielfalt müssen wir ständig das auswählen, wovon wir glauben, dass es uns weiterbringt. Sonst meldet unsere geistige Festplatte Error – in Form von Stress, Krankheit, Zusammenbruch. Noch können wir die Speichersegmente nicht einfach löschen, die wir nicht mehr brauchen. Zum Glück, meine ich. Denn wie sollten wir entscheiden, was wir löschen sollen? Wie sollten wir wissen, was wir in Zukunft nicht mehr benötigen?

Wie können wir heute sagen, was übermorgen die „richtige“ Entscheidung gewesen sein wird?

Schon sind wir mittendrin im Thema Resilienz, das um die Frage der Selbsterhaltung kreist. Wie können wir heute sagen, was übermorgen die „richtige“ Entscheidung gewesen sein wird? Diese Frage betrifft natürlich genauso einen Berater oder Coach. Sehr vereinfacht gesprochen macht es sich ein Coach zur Aufgabe, andere Menschen dabei zu unterstützen, ihre Situation zu verbessern. Hier führt kein Weg an der Frage vorbei, wie der Kunde Entscheidungen trifft, was er für relevant hält, wie er Situationen wahrnimmt und bewertet. Denn davon hängen sein Selbsterhalt und dessen Qualität ab. Insofern ist das Thema Selbsterhalt und Resilienz im Kontext von Beratung im Grunde immer präsent.

Vor diesem Hintergrund habe ich als beratend Tätiger vor einiger Zeit den Versuch unternommen, mich tiefer in das Thema einzulesen. Ich wollte unter dem Gesichtspunkt von Resilienz etwas über nützliche Grundauffassungen und bewährte Handlungskonzepte erfahren, um Hinweise für den praktischen Einsatz in meiner beruflichen Tätigkeit zu erhalten. Ich wollte mich dem Thema in einer offenen Vorgehensweise nähern, ohne dabei auf allzu viele abstrakte Diskurse einzugehen. Jedoch stand ich bald vor einer erstaunlichen Erkenntnis: Ich stellte fest, dass auch nach einiger Recherche keine trennscharfe Definition von Resilienz zu finden war. Deshalb stellte sich mir die Frage, was sich überhaupt hinter dem diffusen Begriff „Resilienz“ verbirgt.

Was verbirgt sich hinter dem Begrifff Resilienz?

Wie gesagt: Das Bewusstsein für die hier angesprochene Problematik entwickelte ich ungewollt. Ursprünglich interessierte mich schlicht die Frage: Wie wird Resilienz im Spiegel der Literatur behandelt, und gibt es daraus abgeleitete Orientierungshilfen, die ich in einer Beratungssituation „Unter vier Augen“ (Looss, 2006) anwenden kann? Gerade weil vieles, was ich las, so widersprüchlich war, ließ mich die Frage nicht mehr los, inwiefern sich Gedanken und Ideen rund um das Thema Resilienz für den Bereich Coaching und Beratung nutzen lassen. Ich wollte klären, ob beziehungsweise wie Erkenntnisse über Resilienz in der personenbezogenen Einzelberatung nutzbar sind – und ich wollte diesen Begriff von seiner Diffusität befreien, um Klarheit zu haben. Ich wollte sehen, ob Resilienz-Coaching auf den Punkt zu bringen ist und einem tragfähigen Konzept folgt beziehungsweise wenn nicht, warum. Denn trotz der Mehrdeutigkeit des Begriffs existieren erstaunlicherweise sehr wohl vermeintlich eindeutige Resilienz-Coaching-Angebote. Die verblüffende Anzahl von Büchern zum Thema legt diese Vermutung immerhin nahe.

Es mangelt an einer klaren Definition von Resilienz – und an einer einstimmigen Konzeption

Optimistisch machte ich mich deshalb weiter auf die Suche nach erhellender Fachliteratur, um festzustellen, dass es bislang nicht nur an einer klaren Definition von Resilienz mangelt, sondern offenbar auch eine einstimmige Konzeption zu der Frage fehlt, wie Resilienz und Beratung oder Coaching in einen Zusammenhang gebracht werden können. Doch während die soziologische, psychologische und pädagogische Forschung sich mit einer eindeutigen Definition des Begriffes schwertut, nahm ich erstaunt zur Kenntnis, dass die Coaching-Angebote, die ihrer Klientel Resilienz beziehungsweise Resilienzsteigerung versprechen, damit offenbar keinerlei Probleme haben. Vielmehr scheint sich das Thema trotz seiner Heterogenität und Unschärfe in der Coaching-Branche leicht eingrenzen zu lassen. Denn Trainings und Coaching-Angebote schießen in diesem Bereich wie Pilze aus dem Boden und locken damit, psychisch widerstandsfähige Individuen zu modellieren.

Ist Resilienz ein störrischer Esel?

Schon die Definition des Begriffes wirft anscheinend viele Fragen auf. Trotzdem wird Resilienz in vielen Angeboten als vermeintlich zugkräftiges Ross vor den Beratungskarren gespannt.

Wenn aber Resilienz im Wissens- und Forschungsgebiet der Pädagogik und Psychologie ein schwer fassbares Thema ist, wie kann dann ein Berater versprechen, seine Kunden resilient zu machen? Ist Resilienz vielleicht gar kein so leistungsfähiges, effizientes Zugpferd, sondern eher ein störrischer Esel? Wenn ja, dann lässt sich leicht nachvollziehen, dass es schwer bestimmbar ist, wann der Karren wo ankommen wird. Anders gesagt: Wenn wir nicht einmal eindeutig sagen können, was Resilienz ist, wie wollen wir dann garantieren, dass wir jemandem zu Resilienz beziehungsweise zu mehr oder besserer Resilienz verhelfen werden? Ihr merkt schon, dass hier eine Gemengelage entsteht, die nach Klärung und Struktur verlangt. Dabei ist mit den genannten Aspekten die Problematik noch gar nicht umfassend umrissen. Um beim Bild des gelenkten Wagens zu bleiben, in dem der Berater oder der Coach seinen Kunden an ein gewünschtes Ziel begleitet: Wir müssen auch noch berücksichtigen, wer den Wagen lenkt und in welchem Gelände, also in welchen Umwelten, der Wagen unterwegs ist!

Vielen Dank für Dein Interesse und bis demnächst!