Mensch

Die erheblichen Schwierigkeiten bei der Annäherung an den Begriff Resilienz will ich nicht zum Anlass nehmen, angesichts unentwirrbar erscheinender Zusammenhänge die Brocken hinzuwerfen und das Ziel aufzugeben, ein theoretisches Grundverständnis für die beobachtbaren Prozesse zu entwickeln.

Die mit dem Thema Resilienz verknüpfte Komplexität ist zumindest aus derzeitiger Sicht un(er)fassbar; genaue, diese Komplexität abbildende Antworten zu geben ist unmöglich. Trotzdem will ich grundlegende Prinzipien rund um das Thema ermitteln. Vielleicht hilft es in diesem Zusammenhang, zunächst möglichst einfachen und naheliegenden Überlegungen den Vorrang zu geben und ihnen Glauben zu schenken. Denn trotz der in vielen Punkten als disparat zu bezeichnenden Vorgaben lässt sich mit aller gebotenen Vorsicht ein zentraler Gedanke anführen, der beim Verständnis der Bewältigung kritischer Lebensereignisse beziehungsweise ungünstiger Lebensbedingungen eine Rolle zu spielen scheint: Immer sollte der betroffene Mensch im Mittelpunkt des Interesses stehen. Er muss Ausgangspunkt sämtlicher Überlegungen sein. Denn er selbst entwickelt Resilienz beziehungsweise ist resilient und daher aktiv an diesem Prozess beteiligt – sowohl in seiner Eigenschaft als Individuum wie auch als sozialer Partner, also als Mitmensch. Alle im Zuge einer solchen Betrachtungsweise gebildeten Definitionen haben dann miteinander gemein, dass sie nur innerhalb der Rahmenbedingungen entfaltet werden können, in die der jeweilige Prozess eingebettet ist. Damit muss das Urteil des jeweiligen Menschen als zentrales Kriterium in Definitionsversuche einbezogen werden. Er ist Experte für seine Situation. Somit ist seine Konstruktion von Sinnzusammenhängen maßgeblich für die Beschreibung und Bewertung „seiner“ Resilienz, „seiner“ Veränderungsbereitschaft und Entwicklungsfähigkeit. Im Mittelpunkt der Bemühungen um Erkenntnisse zum Thema Resilienz sollte deshalb immer das Individuum mit seiner subjektiven und einzigartigen Realitätsdeutung inmitten seiner spezifischen Lebenswelten stehen. Die These, dass Resilienz nur ein dynamischer Prozess sein kann, mag provozierend klingen und bedarf genauerer Erklärung. Die „Subjektivität von Wahrnehmung“ ist die Projektionsfläche, auf der ich im Zuge weiterer Annäherung an den Begriff Resilienz darstellen werde, warum sich der Terminus nur schwer eingrenzen lässt – sei es aus der Innenperspektive eines Individuums, sei es aus der Außenperspektive eines beschreibenden Beobachters.

Untrennbar verbunden: Innen- und Außensicht

Im weiteren Verlauf betrachte ich Resilienz aus mindestens zwei Blickwinkeln: einerseits aus der Innensicht des Betroffenen, andererseits aus der Außensicht eines Beobachters. In der Verwendung dieser Begriffe lehne ich mich an deren Bedeutung in der Literaturwissenschaft an. Gemeint ist, dass die Innensicht die mögliche Wahrnehmung des Betroffenen nachvollzieht, also dessen Gefühle, Gedanken, sein inneres Erleben. Die Außensicht dagegen behandelt die Sicht des Außenstehenden auf die Welt außerhalb der beschriebenen Person. Zunächst berücksichtige ich die Außensicht von Beobachtern, die Teil des sozialen Systems sind, dem das „psychische System Mensch“ angehört. Dabei gehe ich der Frage nach, welchen Einfluss Interaktionen und andere soziale Prozesse auf das Phänomen Resilienz haben. Danach widme ich mich dem „psychischen System Mensch“ mit dessen Wirklichkeitskonstruktion und Wahrnehmung. Wie wird das Phänomen Resilienz von Individuen mit ihren genetisch bedingten beziehungsweise erlernten Strukturen aus der Innensicht auf der Ebene von Gedanken und Gefühlen behandelt? Obwohl ich diese Differenzierung vornehme, existieren Innen- und Außensicht nicht unabhängig voneinander. Beide Beobachtungsperspektiven beeinflussen sich wechselseitig. Ja, sie bedingen einander geradezu und sind durch diese Wechselwirkungsprozesse miteinander verbunden. Die getrennte Behandlung der Innen- und der Außensicht ermöglicht lediglich die Beleuchtung desselben Gegenstandes aus unterschiedlichen Perspektiven. In der Praxis dürfen beide Positionen meines Erachtens niemals losgelöst voneinander betrachtet werden. Denn jedes Individuum ist auch Teil von sozialen Systemen, die es selbst beeinflusst und von denen es wiederum beeinflusst wird. Diese Überlegung ist die Grundlage meiner weiteren Ausführungen.

Klare Worte für ein ungeklärtes Phänomen

Die Bedeutung und Bewertung von Resilienz entwickelt sich nicht zuletzt im Auge des Betrachters. Dieser kann niemals losgelöst von den Prozessen gesehen werden, die er beschreibt. Aus der Außensicht erhält der Begriff Resilienz seine Bedeutung erst durch den Kontext, in den der Beobachter ihn stellt. Dasselbe Verhalten eines Menschen kann von einem Beobachter als resilient, von einem anderen als weniger oder gar nicht resilient beschrieben werden. Bei diesem dynamischen Prozess subjektiver Deutung kommen die Regeln genau des sozialen Systems zur Geltung, das zum Lebensumfeld des Beobachters gehört. Damit ist Folgendes gemeint: Betrachtet man den Beurteiler von Resilienz, wird sich in den meisten Fällen erweisen, dass die Einschätzung von Resilienz den Wertvorstellungen des Beobachters entspricht. Hinzu kommt, dass er ebendiese im ständigen Austausch mit seiner Umwelt laufend verändert. Damit sind sie alles andere als ein wissenschaftlich genau definierter Zustand. Der Mangel an objektiv Messbarem bei der Beschreibung und Deutung von Resilienz führt dazu, dass ein „Nullpunkt“ auf der „Resilienzskala“ durch einen Beobachter offenbar willkürlich festgelegt wird. Es gibt für Resilienz also weder eine einheitliche Definition noch eine genaue Mess-Skala. Raum für Diskussionen lassen auch die einzelnen Beschreibungen davon, was das Ergebnis von Resilienz ist. Was uns die Forscher und Autoren verschiedener Ausrichtung als Erkenntnisse ihrer Untersuchungen mitteilen, ergibt für sie natürlich Sinn, allerdings bezweifle ich, dass alle Leser das Gleiche darunter verstehen. Ich selbst bin dafür ein gutes Beispiel. Denn bei der Lektüre diverser Untersuchungsergebnisse stellen sich mir reichlich Fragen. Ich bräuchte mehr Klarheit: Was heißt es genau, Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigungen durchzustehen? Wer übersteht welche Lebenskrise wann und wie lange? Welchen Zustand habe ich erreicht, wenn ich bei einem schlimmen Verlust „Bewältigungskompetenz“ (Vgl. Wustmann, 2004) zeige? Wie sieht das genau aus, wenn ich mich „neu aufgerichtet“ (Vgl. Rampe, 2004) habe? Nach welchem Maßstab wird bewertet, wenn es heißt, dass sich Kinder trotz erheblicher Entwicklungsrisiken „zu leistungsfähigen, zuversichtlichen und fürsorglichen Erwachsenen“ Vgl. Werner, 1999) entwickelt haben? Verglichen mit wem oder womit bin ich „erfolgreich mit belastenden Situationen umgegangen“ (Vgl. Fthenakis, 2001)? Wer bewertet das und auf welcher Basis? Wenn diese Fragen gestellt werden, zeigt sich die Mehrdeutigkeit der Aussagen. Dank des Umstandes, dass man den Einfluss des Beobachters auf das Geschehen ignoriert, also davon ausgeht, dieser sei unabhängig von den Prozessen, die er beschreibt, ist es scheinbar möglich, die vom Beobachter verwendeten subjektiven Begrifflichkeiten als allgemeingültige verbindliche Wahrheiten zu präsentieren. (Vgl. Simon, 2001) Unspezifische Begriffe wie „erfolgreich“, „kompetent“ oder „Bewältigungskompetenz“ suggerieren, dass es so etwas als eine fixe Größe tatsächlich gibt. Bei genauem Hinsehen verrät also bereits die verwendete Sprache in vielen Arbeiten zu Resilienz die Unzulänglichkeit der Ergebnisse. Dabei wird erneut deutlich, dass sich der Begriff Resilienz bei genauer Betrachtung Generalisierungen widersetzt.

Resilienz ist individuell

Äußerlichkeiten erlauben keine Rückschlüsse auf den inneren Zustand. Resilienz ist individuell – wie die Wirklichkeitskonstruktion jedes Beobachters. Wenn Resilienz beispielsweise mit gesellschaftlichem Erfolg gleichgesetzt wird, werden Äußerlichkeiten beschrieben, die keine unmittelbaren Rückschlüsse auf den inneren Zustand der Person erlauben. Mit dem folgenden Beispiel bediene ich ganz bewusst einige Klischees. Auch ohne dass genau diese Konstellation vorliegt, wird deutlich, worauf ich hinauswill: Der als Waisenkind in einem Kinderheim aufgewachsene, seriös und ausgeglichen wirkende Abteilungsleiter einer Bank kann im Privatleben ein vollkommen nervöses, neurotisches, bindungsunfähiges und tablettenabhängiges Wrack sein, weshalb man ihn – je nach Perspektive – als resilient (Karriere, BMW, Vorsitzender des Golfclubs) oder auch als nicht resilient (bemitleidenswerter Suchtkranker mit Doppeldiagnose) einordnen könnte. Festzustellen bleibt – und zwar unabhängig von der Bewertung durch einen Beobachter –, dass der suchtkranke Abteilungsleiter auf seine eigene, unvergleichliche Art sein Dasein bewältigt. Das gilt nicht nur für erfolgreiche Manager, die ihren Stress vielleicht mit Medikamenten dämpfen oder kurz vor dem Burnout stehen, sondern auch für Menschen in völlig anderem sozialen Umfeld. Der folgende Text gibt sinngemäß und auszugsweise den Inhalt eines nervenfachärztlichen Gutachtens zur Frage der Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung wieder:

Bei Frau S. handelt es sich um eine schwere Verlaufsform einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie mit noch vorhandenen produktiven Symptomen wie wahnhaftem Erleben, Stimmen hören, Antriebs- und Affektstörungen. Frau S. war die gesamten letzten Jahre und auch zurzeit nicht in der Lage, für sich allein Sorge zu tragen. Auf Nachfrage berichtet die Betroffene, dass sie bei ihren Eltern aufgewachsen sei. Von ihren drei Geschwistern sei eines früh verstorben. Sie selbst habe das Gymnasium bis zur 12. Klasse besucht, habe dies dann abgebrochen und eine Lehre zur Bürokauffrau absolviert. Danach sei sie „von der Bahn gekommen“, habe viel Alkohol getrunken. Sie sei dann erkrankt und stationär behandelt worden. Frau S. leidet seit ca. ihrem 20. Lebensjahr an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie, eine Behandlung erfolgte damals nur sehr unvollständig. Sie hatte Kontakte „zu verschiedenen Männern“, lebte zeitweise auch in der Obdachlosenszene. Bis zu ihrer Eheschließung vor ca. 15 Jahren war Frau S. aufgrund ihrer Krankheit entmündigt und wie die Eltern mitteilten, sollte damals eine Heim-Unterbringung stattfinden. Frau S. gebar vier Kinder. Die ersten drei Kinder seien ihr „weggenommen worden“. Nach Angaben des Ehemannes war Frau S. durchgehend psychotisch in sicher etwas wechselnder Intensität. Aufgrund der Erkrankung hat die Familie S. mehrmals die Wohnung verloren, da Frau S. sich häufig von ihrer Umgebung durch psychotisches Erleben beeinträchtigt fühlte und dann laut auf der Straße oder im Treppenhaus herumschrie.

Wer die Geschichte von Frau S. liest, wird spontan geneigt sein zu sagen, dass man es hier auf keinen Fall mit einem resilienten Menschen zu tun haben kann: krank, chronischer Verlauf, Alkohol, Entmündigung, die Kinder und die Wohnung weg … Alles deutet darauf hin, dass Frau S. den widrigen Umständen ihres Lebens nicht trotzen konnte. Man ist geneigt, ihr jegliche Resilienzfähigkeit abzusprechen. Dennoch lebt sie bis heute wohlgenährt und fidel in ihrer eigenen Welt, bezeichnet sich als „glücklich mit ihrer Familie“ und beteuert stets, dass „alles in Ordnung“ sei. Wenn man Frau S. auf unzweifelhaft vorhandene Problemlagen anspricht, bezeichnet sie diese als „olle Kamellen“. Berücksichtigt man die Schwere ihrer psychischen Erkrankung und die dadurch ausgelösten extremen Verhaltensauffälligkeiten, könnte man allerdings genauso zu dem Schluss kommen, dass es Frau S. gelungen ist, trotz der wahrscheinlich genetisch bedingten Einschränkungen und daraus resultierenden gesellschaftlichen Barrieren, das Beste aus ihrer spezifischen Situation zu machen. Ist Frau S. also doch resilient? Gerade im Hinblick auf dieses Beispiel finde ich, dass die zentrale Fragestellung nicht lauten sollte: Ist Frau S. resilient? Die Fokussierung auf einen logischen Bezugsrahmen, der eine Aussage als wahr und die andere als falsch annimmt, im Sinne von „sie ist resilient“ beziehungsweise „sie ist nicht resilient“, erscheint mir ungeeignet. Besser sollte die Frage lauten: Wie hat Frau S. es trotz vieler kritischer Entwicklungen und Krisen geschafft, heute noch zu leben? Denn Frau S. lebt und ist „gut drauf “. Sicherlich wird sie sich ihrer Meinung nach immer für die beste der Möglichkeiten entschieden haben, die ihr in ihren schwierigen Lebensverhältnissen jeweils zur Verfügung standen.

Er säuft und klaut – aber er lebt

In einigen Studien und Untersuchungen wird mangelnde Resilienz mit Kriminalität oder Alkoholismus gleichgesetzt. Für einen Menschen, der durch ein Unglück schwer getroffenen ist, sind gesellschaftlich als nicht erstrebenswert definierte Handlungen wie Delinquenz oder die Flucht in einen Substanzmissbrauch in jedem Fall immer noch besser als Suizid. Damit will ich keineswegs die potenziell schlimmen Auswirkungen von Suchtverhalten oder Kriminalität in Abrede stellen oder die fürchterlichen Folgen für Familienangehörige und andere betroffene Mitmenschen leugnen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass man die Resilienz von Individuen bewerten sollte, ohne nach pathologischen Auffälligkeiten oder anderen Etikettierungen zu suchen. Auch eine geradezu entmündigend wirkende Expertenhaltung ist bei der Beurteilung von Resilienz unangemessen. Denn alle Menschen treffen stets die beste Wahl aus den Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen – situationsabhängig und aus ihrem eigenen Blickwinkel. Menschen handeln im Kontext ihrer Sinngebung sinnvoll. Jedem Verhalten, so abwegig und befremdlich es einem Beobachter auch erscheinen mag, liegt eine unbedingt wertzuschätzende positive Absicht zugrunde, nämlich mindestens die der Selbsterhaltung. Damit ist nicht gemeint, dass Handlungen eines Menschen und deren Auswirkungen Ausnahmslos gutgeheißen werden sollen – beispielsweise kriminelle Taten, die zu Lasten anderer Menschen oder der Gesellschaft gehen. Stattdessen kommt es darauf an, den Menschen in seiner jeweiligen Lebenssituation zu verstehen: Warum hat er eine richtige oder auch eine falsche Wahl getroffen? In welchem Kontext war dieses Verhalten nützlich? Hätte dieser Mensch in seiner Situation eine andere Wahl treffen können? Verfügte er überhaupt über andere Wahlmöglichkeiten (Vgl. hierzu Vorannahmen des NLP, DVNLP, 2006)? Wer mit einer defizitorientierten Betrachtungsweise andere Menschen und deren Handeln beurteilt, läuft Gefahr, deren unzweifelhaft vorhandene Kompetenzen zur Daseinsbewältigung auszublenden.

Die Einmaligkeit des Handlungskontextes

Immer muss auch der Rahmen berücksichtigt werden, der Kontext, in den etwas hineingestellt wird. Im Hinblick auf Resilienz ist es für mich äußerst wichtig, dem jeweils einzeln betrachteten Individuum die Einmaligkeit seines Handlungskontextes zuzugestehen. Man muss gewissermaßen den Versuch unternehmen, die Positionen eines Individuums in einem exklusiv für diesen Menschen angelegten Koordinatensystem zu beschreiben und zu verstehen. Ein standardisiertes Koordinatensystem, in dem mehrere Individuen schablonenartig verortet werden, ist der Einzigartigkeit menschlicher Lebenswege unangemessen. Nur wenn Verhalten in einen individuellen lebensweltlichen Zusammenhang gestellt wird, kann es gelingen, einen Menschen ohne Abwertungen in seiner Eigenart zu respektieren. Die Beschreibung von Resilienz ist wohl auch deshalb problematisch, weil Auffassungen über die Qualität von Resilienz von der sozialen Herkunft und dem Bildungsstand des Beobachters eingefärbt sind. Einige sozialwissenschaftliche Beschreibungen von Menschen, die trotz vieler „Entwicklungsrisiken zu erstaunlich kompetenten, leistungsfähigen und stabilen Persönlichkeiten“ herangewachsen sind und zu einer „positiven Entwicklung“ (Vgl. Wustmann, 2004) fähig waren, würden mit den gleichen Fähigkeiten in einem anderen Kontext vielleicht nicht mehr als resilient beschrieben. Ein weiteres Beispiel soll dies verdeutlichen.

Wo Wohlstandsdenken in die Sackgasse führt

„Auf der ganzen Welt werden in den Elendsvierteln der Großstädte ständig Kinder gedemütigt. Sie sind schlechte Schüler, denn ihre Eltern halten die Schule für unwichtig und zwingen die Kinder, nachts zu arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen. Auf der Straße herrscht rohe Gewalt, und weil sie die Schwächsten sind, werden sie häufig geschlagen oder zumindest bedroht. Die Gesellschaft wiederum fängt sie nicht auf, entlässt sie in die Arbeitslosigkeit und führt ihnen auf diese Weise ständig vor Augen, dass sie Versager sind. Bis ihnen dann eines Tages ein Dealer beibringt, dass sie an einem einzigen Abend genügend Geld verdienen können, um ihre Menschenwürde wiederherzustellen. Am nächsten Tag liefern sie dann das Geld bei ihrer Familie ab und beherrschen sehr bald diejenigen, von denen sie geschlagen worden sind. Sie sind in ihrem sozialen und kulturellen Abenteuer gefangen. Ihre Kriminalität verleiht ihnen die notwendige seelische Widerstandskraft. Sie heilen sich selbst, indem sie ihre Familie heilen, und sie finden ihre Würde wieder, indem sie kriminell werden“ (Cyrulnik, 2001). Man könnte durchaus behaupten, dass sich diese Straßenkinder in ihrer Lebenswelt im Rahmen ihrer Möglichkeiten trotz widriger Umstände zu „kompetenten, leistungsfähigen und stabilen Persönlichkeiten“ (Wustmann, 2004) entwickelt haben. Dennoch werden sie von vielen Sozialwissenschaftlern oder Pädagogen wohl kaum als resilient bezeichnet werden, weil diese mit den Begriffen leistungsfähig, stabil und kompetent höchstwahrscheinlich die Abwesenheit von Konflikten mit dem Gesetz verbinden. So läuft man Gefahr, eine Zweiklassengesellschaft zu schaffen, die sich durch soziale Barrieren auszeichnet. Durch die pädagogische Brille betrachtet, misst sich eine positive Entwicklung trotz widriger Umstände an Indikatoren wie vielleicht einer Arbeitsstelle oder Gesetzestreue. So gesehen können viele Menschen eine dergestalt definierte positive Entwicklung gar nicht durchlaufen. Denn diese Merkmale sind in ihrer Lebenswelt, in ihrem Milieu, nicht relevant und werden daher auch gar nicht angestrebt. Wenn ein Mensch, durch ein kulturpessimistisches Monokel betrachtet, bestimmte moralische Standards nicht erfüllt, weil er von vornherein keinen Zugang zu bestimmten Ressourcen hat, erscheint es mir mehr als verwegen, diesen Menschen als „nicht resilient“ bezeichnen zu wollen. Es bleibt festzuhalten, dass sich Resilienz bei Individuen, unabhängig von sozialwissenschaftlich definierten Standards, quer durch die sozialen Schichten unserer Gesellschaft zieht. Auch als kriminell, boshaft oder lasterhaft beschriebene Zeitgenossen ohne Anstand sind im Grunde resilient, wenn sie in ihrer Lebenswirklichkeit nach Selbsterhaltung streben und überleben. Sobald man mit einer Einstellung der Ungleichheit menschliche Entwicklungen beurteilt, geht der Sinn dafür verloren, welchen Respekt die Mühewaltungen des jeweiligen Individuums eigentlich verdient haben. Achtung vor der Vielfalt menschlicher Reaktionsmöglichkeiten auf belastende Situationen und Würdigung der einzigartigen Lösungsvarianten sind deshalb für ein Verständnis von Resilienz unabdingbar.

Vielen Dank für Dein Interesse!